Mein Leben mit Schmerzen

Meine „Schmerz-Geschichte“

Chronische Schmerzen können das Leben zur Hölle machen. Schmerzpatienten wissen, wie es sich anfühlt, wenn der Schmerz zum täglichen Begleiter wird, jegliche Lebensfreude nimmt und sogar zu Depressionen und vollkommenem sozialen Rückzug führen kann. Leider vergehen oft bis zu zehn Jahre, bis Schmerzpatienten eine adäquate Schmerztherapie und endlich wieder eine Chance auf Lebensqualität erhalten. So ähnlich ging es auch Navanita Brucker, 54 Jahre und Teamleiterin des Kundenservice in einem mittelständischen Unternehmen. Ihre  „Schmerz-Geschichte“ stellt sie hier vor.

„Ich habe nie die Hoffung auf Schmerzlinderung aufgegeben“

Navanita Brucker, 54 Jahre

Ich genieße es, an der Nähmaschine zu sitzen und Kleidung zu schneidern. Doch erst seit knapp zwei Jahren kann ich mein Hobby wieder ausüben. Zuvor hinderten mich starke Schmerzen in der rechten Hand daran. Ein Bruch des Handgelenks durch einen Unfall mit Inline-Skates im Sommer 2002 löste die Schmerzen aus. Obwohl der Bruch nach sechs Wochen wieder verheilt war, litt ich weiter unter starken, brennenden und stechenden Schmerzen sowie einem dumpfen Drücken und Pochen in der Hand. Es fühlte sich an wie Messerstiche. Oft hielten die Beschwerden den ganzen Tag an. Zeitweise konnte ich die Hand gar nicht einsetzen. Viele alltägliche Tätigkeiten fielen mir schwer. Es war sehr umständlich, sich als Rechtshänderin mit der linken Hand die Zähne zu putzen. Viele Menschen aus meinem Umfeld konnten nicht nachvollziehen, dass ich immer noch starke Schmerzen hatte. Zunächst reagierten sie noch mit Mitgefühl, doch Monate nach dem Unfall erwarteten sie, dass es mir gut geht. Also ging ich 14 Wochen nach dem Unfall wieder arbeiten. Als Teamleiterin im Kundenservice eines mittelständischen Unternehmens arbeitete ich viel am Computer. Auch dabei schränkten die Schmerzen mich ein, zum Beispiel beim Bedienen der Computermaus. Doch das habe ich mir nie anmerken lassen. Die Kunden und meine Kollegen sollten nicht wissen, wie schlecht es mir ging. Also habe ich die Zähne zusammengebissen.

Das war allerdings nur mit Schmerzmitteln möglich. Eine praktische Ärztin verschrieb mir ein schwach wirksames Opioid in Form von Tropfen. Um die Schmerzen so zu lindern, dass sie einigermaßen erträglich sind, nahm ich eine sehr hohe Dosis davon und litt unter starken Nebenwirkungen. Ich war müde, unkonzentriert und apathisch, hatte kein Interesse mehr an meinen Hobbys, war wie benebelt und habe mich zu Hause verkrochen. Dennoch nahm ich die Tropfen mehrere Jahre lang ein. Mir war klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich ging in ein Krankenhaus, das auf Handchirurgie spezialisiert ist. Dort schlugen mir die Ärzte verschiedene Behandlungen vor. Doch die Operationsmethoden machten mir richtig Angst und deshalb lehnte ich diese Möglichkeiten ab. Die Hoffnung auf Schmerzlinderung habe ich trotzdem nicht aufgegeben.

Im Januar 2007 überwies mich ein Handchirurg zu dem Schmerztherapeuten Dr. med. Gerhard H. H. Müller-Schwefe. Er ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. und leitender Arzt des Schmerz- und Palliativzentrums Göppingen. Er war der Erste, der meine Schmerzen ernst genommen hat! Er erklärte mir, dass meine Schmerzen chronisch seien und dass sich so ein Schmerzleiden entwickelt, wenn starke Schmerzen nicht frühzeitig und wirksam behandelt werden. Der Schmerz ist dann zu einer eigenständigen Krankheit geworden, die auch als solche behandelt werden muss.

Dr. Müller-Schwefe setzte die Opioid-Tropfen sofort ab. Er behandelte mich zunächst mit Stellatumblockaden. Dabei werden die Nervenknoten mit Spritzen örtlich betäubt, so dass Schmerzsignale nicht an das Gehirn weitergeleitet werden. Zudem verschrieb er mir ein starkes und gut verträgliches Opioid, das seine Wirkstoffe über zwölf Stunden freisetzt und so die Schmerzen mit zwei Tabletten am Tag konstant lindert.

Jetzt, fünfeinhalb Jahre nach dem Unfall, geht es mir dank der guten Schmerzlinderung endlich besser. Nur, wenn ich die Hand über längere Zeit stark belaste, schmerzt sie anschließend. Ich schlafe nachts durch und kann morgens ausgeruht in den Tag starten. Mit Nebenwirkungen habe ich so gut wie keine Probleme. Weil ich nicht mehr müde bin und mich gut konzentrieren kann, macht die Arbeit wieder Spaß. Weil ich wieder Freude daran habe, meine Freizeit aktiv zu gestalten und gerne Freunde treffe, habe ich einen Großteil meiner Lebensqualität zurück gewonnen. Wenn ich heute Kleidung trage, die ich selbst genäht habe, dann bin ich doppelt stolz: auf meine Handarbeits-Fähigkeiten und auf mein Durchhaltevermögen. Kein Mensch mit chronischen Schmerzen muss sich mit seinem Schicksal abfinden. Die richtige Schmerztherapie ermöglicht eine annehmbare Schmerzlinderung. Ich bin das beste Beispiel dafür!