Begleitende Maßnahmen: Bewegung ist wichtig!
Für Schmerzexperten ist regelmäßige Bewegung ein wesentlicher Baustein der Schmerztherapie. Häufig geschieht aber in der Praxis das Gegenteil. Patienten mit Bewegungsschmerzen werden zunehmend inaktiver, je länger ihr Schmerz andauert.
Sie können sich nicht aufraffen, sich in irgendeiner Form zu bewegen. Das ist nachvollziehbar. Denn viele befinden sich in einem Teufelskreis, weil ihre Schmerzen nicht in ihrer Intensität erkannt beziehungsweise nicht korrekt behandelt werden: Da jede Bewegung weh tut, gehen sie nicht mehr einkaufen, sagen Verabredungen mit Freunden ab oder geben das geliebte Hobby auf. Hinzu kommt meist eine Odyssee durch viele Arztpraxen ohne kompetente Hilfe, das Gefühl der Hoffnungslosigkeit sowie der Angst und Ohnmacht. Dieser Zustand ist zermürbend und endet oft in Resignation und Depression. In dieser Situation isolieren sich Schmerzkranke zunehmend von ihren Mitmenschen und es entsteht das Gefühl des Nicht-Mehr-Dazugehörens in einer gesunden, leistungsorientierten Welt. Sie sprechen vom „Eingesperrtsein wie in einem Käfig“.
Doch gerade bei Bewegungsschmerzen ist Aktivität statt Passivität gefordert. Bei Osteoporose zum Beispiel beugt Bewegung einem weiteren Knochenabbau vor. Wer sich bei einer Rückenerkrankung regelmäßig bewegt, wirkt einer Schmerzchronifizierung entgegen. Bei Arthrose und Arthritis kann ein starker Muskelapparat vor einer raschen Gelenkzerstörung schützen und entlastet zudem bereits geschädigte Gelenke.
Bei starken Schmerzen ist eine effektive und verträgliche medikamentöse Schmerztherapie jedoch die Voraussetzung für jede Art von Bewegung.
Aktiv bei Rückenschmerzen
Bewegung ist bei einer chronischen Rückenerkrankung doppelt wichtig. Erstens erhält sie die allgemeine Fitness und Mobilität. Und zweitens sorgt rückengerechte Bewegung für eine stärkere, belastbare Rückenmuskulatur, die die Wirbelsäule gezielt entlasten kann.
Deshalb sollten Sie folgende Tipps beachten:
- Verbessern Sie mit gezielten gymnastischen Übungen die Beweglichkeit und Widerstandsfähigkeit Ihres Rückens, am besten unter krankengymnastischer Anleitung.
- Trainieren Sie Ihre Bauchmuskulatur. Auch sie trägt dazu bei, den Rücken zu stabilisieren.
- Betreiben Sie Sportarten, die die Muskulatur trainieren, ohne sie durch ruckartige Bewegungen zu belasten - zum Beispiel Wandern, Skilanglauf, Tanzen, Radfahren, Rückenschwimmen oder Wassergymnastik. Fragen Sie vorher Ihren Arzt oder Ihre Ärztin, was Sie sich zumuten können.
- Nutzen Sie Angebote von Vereinen und Organisationen - gemeinsames Training macht mehr Spaß und motiviert zu regelmäßiger Bewegung.
- Nehmen Sie alltägliche Bewegungsmöglichkeiten wahr - lassen Sie das Auto öfter mal stehen, benutzen Sie statt des Fahrstuhls die Treppe, machen Sie in der Mittagspause einen kleinen Spaziergang.
- Nehmen Sie an einer Rückenschule teil und üben Sie dort "rückengerechtes Bewegen", zum Beispiel richtiges Gehen, Stehen, Bücken und Tragen.
- Lernen Sie bewusstes Entspannen, zum Beispiel mit der Technik der "Progressiven Muskelentspannung" nach Jacobson.
- Vermeiden Sie einseitige Körperhaltungen und verändern Sie die Stellung des Körpers so oft wie möglich. Ändern Sie zum Beispiel häufiger Ihre Sitzposition oder wechseln Sie zwischen Sitzen und Stehen.
- Reduzieren Sie konsequent und dauerhaft ein eventuell vorhandenes Übergewicht.
- Achten Sie auf zweckmäßige Kleidung und fußgerechte Schuhe: Zu enge Kleidung schränkt die Bewegungsfreiheit ein, unbequeme Schuhe begünstigen eine schlechte Körperhaltung, zu hohe Absätze können zu Rückenbeschwerden führen.
- Richten Sie Ihre Wohnung und Ihren Arbeitsplatz rückengerecht ein. Achten Sie dabei vor allem auf die passende Höhe von Arbeits- und Sitzflächen (eventuell unterstützt durch ein keilförmiges Sitzkissen) sowie auf einen festen Lattenrost und eine rückengerechte Matratze für das Bett.
Das sollten Sie besser vermeiden:
- Vermeiden Sie längerfristige, einseitige körperliche Belastungen und Beanspruchungen.
- Betreiben Sie keine "schnellen" Sportarten wie Tennis, Squash oder Badminton, die die Muskulatur durch ruckartige Bewegungen strapazieren.
- Verzichten Sie auf Brustschwimmen. Dabei wird der Kopf meist zu stark nach oben gestreckt und die Wirbelsäule wird belastet.
- Schonen Sie sich nicht übermäßig.
Aktiv bei Osteoporose
Ein Knochen, der nicht belastet wird, bildet sich mit der Zeit zurück und wird anfällig für Knochenbrüche. Auch hier sind regelmäßige Bewegung und eine gezielte Kräftigungstherapie daher besonders wichtig. Knochen sind lebendes Gewebe - ähnlich wie Muskeln behalten sie nur dann ihre Festigkeit, wenn sie regelmäßig trainiert werden. Auch die Muskulatur wird so gestärkt. Sie kann gezielt eine Stützfunktion für das Skelett übernehmen, so dass es zu weniger belastungsbedingten Knochenbrüchen kommt. Eine besonders wichtige Rolle übernehmen hierbei die Rücken- und Bauchmuskulatur, die die nachlassende Stabilität der Wirbelsäule ausgleichen können.
Deshalb sollten Sie folgende Tipps beachten:
- Stärken Sie Knochen und Muskeln durch ein regelmäßiges, maßvolles Bewegungsprogramm, z.B. mit Schwimmen, Wandern oder Gymnastik. Fragen Sie vorher Ihren Arzt oder Ihre Ärztin, welche Bewegungsarten für Sie geeignet sind.
- Ergänzen Sie das Bewegungsprogramm durch eine gezielte Kräftigungstherapie für Muskeln und Knochen.
- Tragen Sie beim Einkaufen keine schweren Taschen. Verteilen Sie das Gewicht gleichmäßig auf beide Arme.
- Nutzen Sie die Angebote von Sportvereinen und Selbsthilfegruppen, um andere Betroffene zum gemeinsamen Training zu finden.
- Entspannen Sie sich. Eine gute Hilfe bietet Ihnen z.B. die Technik der "Progressiven Muskelentspannung" nach Jacobson.
Das sollten Sie besser vermeiden:
- Umgehen Sie Situationen, in denen Sie Knochenbrüche geradezu heraufbeschwören, z.B. Hausarbeiten auf Leitern.
- Verzichten Sie auf "schnelle", verletzungsträchtige Sportarten wie zum Beispiel Tennis, Squash oder Badminton.
- Achten Sie bei der Hausarbeit und beim Einkaufen darauf, sich nicht einseitig zu belasten und immer eine möglichst aufrechte Haltung einzunehmen.
- Schonen Sie sich nicht übermäßig. Passivität fördert das Fortschreiten der Osteoporose.
Aktiv bei Gelenkerkrankungen
Arthrose-Gelenke wollen bewegt werden. Bewegen, ohne allzu sehr zu belasten, ist daher der Grundsatz der Arthrose-Behandlung. Er gilt auch, um Gelenkerkrankungen vorzubeugen. Denn Bewegung unterstützt die Verteilung von Nährstoffen im Gelenk. Das ist wichtig, weil der Knorpel nicht durchblutet ist und daher nicht wie andere Körpergewebe durch den Blutstrom mit Nährstoffen versorgt wird. Er muss sich deshalb aus der Gelenkflüssigkeit ernähren. Dazu muss die Gelenkflüssigkeit immer wieder durchmischt werden. Das geschieht durch Bewegung.
Bewegungsmangel beeinträchtigt somit die Ernährung des Knorpels und außerdem den Abtransport von Abbauprodukten. Beide Prozesse beschleunigen die Abnutzung des Knorpelgewebes. Daher ist eine aktive Bewegungstherapie in Form eines langfristigen, regelmäßigen Übungsprogramms besonders wichtig, wenn Sie an einer Abnutzungserscheinung (Arthrose) oder Entzündung (Arthritis) der Gelenke leiden.
Deshalb sollten Sie folgende Tipps beachten:
- Verbessern und trainieren Sie mit gezielten gymnastischen Übungen die Beweglichkeit Ihrer Gelenke - am besten unter krankengymnastischer Anleitung.
- Wenn Sie zu Hause gymnastische Übungen durchführen: Fangen Sie mit wenigen Wiederholungen an und steigern Sie die Dauer der Übungen allmählich. Wichtig ist regelmäßiges Training: Jeden Tag 15 Minuten ist besser als alle drei Tage eine Stunde.
- Betreiben Sie regelmäßig eine Sportart, bei der die Gelenke zwar bewegt, aber nicht übermäßig belastet werden. Gut geeignet sind Wandern, Schwimmen oder Wassergymnastik (Aqua-Jogging).
- Nutzen Sie die Angebote von Sportvereinen und Selbsthilfegruppen, um andere Betroffene zum gemeinsamen Training zu finden. Das bringt mehr Spaß und motiviert zu regelmäßiger sportlicher Betätigung.
- Achten Sie bei körperlichen Betätigungen auf eine aufrechte Körperhaltung.
Das sollten Sie besser vermeiden:
- Betreiben Sie keine Sportarten, die Ihre Gelenke übermäßig beanspruchen - also zum Beispiel kein Tennis, Fußballspielen oder ähnliches.
- Vermeiden Sie im Beruf oder bei Hausarbeiten einseitige Belastungen.
- Schonen Sie sich nicht übermäßig: Von Arthritis betroffene Gelenke brauchen regelmäßige Bewegung. Außerdem fördert Passivität ein Fortschreiten der Arthrose.
- Bei Arthritis stellt der akute Schub einer Entzündung eine Ausnahme dar: In dieser Phase dürfen die betroffenen Gelenke nicht zu stark belastet werden. Nehmen Sie nach Möglichkeit an einer Patientenschulung teil, die z.B. von Rheumazentren angeboten wird (siehe www.rheumanet.org).
Was Sie sonst noch tun können:
Neben einer medikamentösen Schmerztherapie mit effektiven und gut verträglichen Schmerzmitteln sowie einem individuell auf Ihre Beschwerden abgestimmten Bewegungs-Programm gibt es Maßnahmen, die zusätzlich dazu beitragen können, Ihre Schmerzen zu lindern. Hier finden Sie ausgewählte Beispiele:
Physikalische Therapie
Diese Behandlungsform fasst Anwendungen zusammen, die auf physikalischen Methoden beruhen. Hierzu zählen Wärme, Gleichstrom, Infrarot- und UV-Licht, Wasseranwendungen und mechanische Behandlung wie zum Beispiel Massagen. Physikalische Therapieformen werden meistens von Physiotherapeuten oder Masseuren angewendet.
Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS)
Die TENS erfolgt über Elektroden, die auf der Haut angebracht werden. Mit Hilfe von schwachen elektrischen Strömen wird der Nerv stimuliert, der der schmerzenden Region zugeordnet ist. Die elektrischen Impulse, die Sie als Kribbeln wahrnehmen, können den Schmerz mehrere Stunden lang unterdrücken. Es gibt kleine Taschengeräte, mit denen Sie die Behandlung nach Anleitung auch selbst zu Hause durchführen können.
Biofeedback
Biofeedback – zu deutsch „Biorückmeldung“ – bezeichnet eine Methode, die die Veränderungen von biologischen Vorgängen mit technischen Hilfsmitteln sichtbar macht. Funktionen wie Herzschlag, Blutdruck, Verdauung, Hirnströme und Hauttemperatur werden beim Biofeedback in sicht- oder hörbare Signale umgewandelt. Das Ziel ist es, Ihnen messbare, meist unbewusste Körperfunktionen "bewusst" zu machen, zum Beispiel als Puls- oder Hirnstromkurve auf dem Monitor, und diese dann bewusst zu beeinflussen. Auf diese Weise sollen Ihnen Ihre eigenen Körperfunktionen wahrnehmbar gemacht werden und durch Training die eigene Gesundheit selbstständig verbessert werden.
Manuelle Therapie
Das Ziel der Manuellen Therapie ist es, reversible Funktionsstörungen des Bewegungsapparats zu erkennen und zu behandeln. Das geschieht mit speziellen Handgrifftechniken. Ist die Ursache der Funktionsstörung gefunden, folgen therapeutische Handgriffe, die der Physiotherapeut oder Krankengymnast zur Mobilisation durchführt. So lassen sich verhärtete Muskelpartien lockern und Gelenkblockaden lösen. Bewegungsschmerzen können damit gelindert und Bewegungseinschränkungen reduziert werden.
Entspannungsmethoden
„In einem gesunden Körper steckt auch ein gesunder Geist“, heißt es. Folglich leidet auch die Seele, wenn es dem Körper nicht gut geht. Gerade bei Schmerzen ist es daher wichtig, etwas für das eigene Wohlbefinden zu tun. Hierfür gibt eine Vielzahl von Methoden, die Körper und Seele gleichermaßen gut tun und auch in der Schmerztherapie hilfreich sind. Bestimmte Entspannungstechniken beispielsweise können zusätzlich zu Schmerzmitteln Ihr Schmerzempfinden herabsetzen. Dies geschieht zum einen durch direkte Entspannung der Muskulatur. Zum anderen können Entspannungstechniken die Schmerzaktivität im Gehirn herabsetzen, indem Ihr Körper vermehrt körpereigene, Opioid-ähnliche Substanzen produziert.
Progressive Muskelentspannung nach Jacobson
Durch diese von Edmund Jacobsen entwickelte Methode soll durch die bewusste An- und Entspannung bestimmter Muskelgruppen ein Zustand tiefer Entspannung des ganzen Körpers erreicht werden. Dabei spannen Sie einzelne Muskelpartien in einer bestimmten Reihenfolge zunächst an, halten die Muskelspannung kurz bei und lösen sie anschließend. Ihre Konzentration wird dabei auf den Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung gerichtet und auf die Empfindungen, die mit diesen unterschiedlichen Zuständen einhergehen. Ziel ist es, durch eine verbesserte Körperwahrnehmung die Muskelspannung unter das normale Niveau zu senken. Mit der Zeit lernen Sie, Ihre Muskulatur zu entspannen, wann immer Sie dies möchten und können Ihre Schmerzen so reduzieren.
Yoga
Yoga ist der Oberbegriff für ein ganzes Bündel an Techniken und Methoden, die den Menschen vom Leiden befreien sollen. Atem- und Meditations- sowie Körperübungen, die sogenannten Asanas, sind Elementen aus der Natur nachempfunden, beispielsweise dem Hund, dem Baum, der Kobra oder dem Berg. Ihr Ziel ist es, körperliche und seelische Verspannungen zu lösen und so zu Ruhe, innerer Kraft, Gelassenheit und geistiger wie körperlicher Gesundheit zu finden. Somit ist Yoga eigentlich weniger ein Bewegungstraining, sondern vielmehr eine Philosophie. Der Yogalehre zufolge ist das körperliche Befinden ein Spiegel des seelischen - und umgekehrt. Somit lassen sich über geistige Übungen körperliche Symptome beeinflussen, während Körperübungen die seelische Ausgeglichenheit fördern können.
Akupunktur
Die Akupunktur ist ein Teilgebiet der Traditionellen Chinesischen Medizin, bei der mithilfe von in den Körper eingestochenen dünnen Nadeln Krankheiten geheilt, Schmerzen gelindert oder das Wohlbefinden gesteigert werden sollen. Die einzelnen Akupunkturpunkte sind aufgrund alter Erfahrungen festgelegt worden. Die Nadeln werden auf die Akupunkturpunkte gesetzt, die alle auf Leitlinien, die man als Meridiane oder Energiebahnen bezeichnet, liegen. In diesen Bahnen fließt nach altchinesischer Auffassung die sogenannte Lebensenergie Qi mit ihren Anteilen YIN und YANG. Diese beiden lebenserhaltenden Kräfte sind im Körper gleichzeitig, jedoch als Gegenpole, wirksam. Ihr völliges Gleichgewicht im Organismus stellt den idealen Gesundheitszustand dar. Ein Ungleichgewicht soll auf Dauer zu Krankheit führen.






